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Argumentationshilfe gegen Stammtischparolen

Die Nienburger Gruppe against racism hat ein neues Projekt gestartet: Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen. Das Angebot orientiert sich an der bereits vor einiger Zeit erschienenen Broschüre "Misch dich ein - Argumente gegen Stammtischparolen".

 

against racism wendet sich mit dem Projektangebot an  Jugendgruppen, junge Erwachsene und Schüler*innen ab der 9. Klasse im Raum Nienburg. Viele Menschen machen leider die Erfahrung, dass sie im Alltag häufig und manchmal bis zum Erbrechen  mit populistischen bis hin zu offen rechtsradikalen und rassistischen Positionen konfrontiert werden. Sie stellen sich die Frage, was kann ich tun, wenn Bekannte oder Freunde, Kollegen oder gar jemand in der Familie wieder mal sagt: „Eigentlich habe ich ja nichts gegen Flüchtlinge, aber..."? 

 
Der geplanten Workshop bietet den Teilnehmenden anhand von Übungen die Möglichkeit, sich mit menschenfeindlichen und rechtspopulistischen Argumentationsstrategien auseinandersetzen, diese zu definieren und wirksame Gegenstrategien zu entwickeln und einzuüben. Unter Anwendung verschiedener Methoden und Beispiele soll die Handlungssicherheit der Teilnehmenden gestärkt werden, wenn sie im Alltag mit rechtsradikalen und populistischen Einstellungen konfrontiert werden.

 

Interessierte können sich unter against-racism-nienburg@gmx.de melden.

Verschollen in Deutschland                                                       Karla Müller-Tupath im Nienburger Kulturwerk

Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, an dessen Tod vor 50 Jahren in diesen Tagen erinnert wird, forderte schon 1952 im Bundestag den „Schlussstrich“ unter die Vergangenheitsbewältigung mit den Worten: „Wir sollten jetzt mit der Nazi-Riecherei einmal Schluss machen!“  Eine Meinung, die Karla Müller-Tupath, Buchautorin und langjährige Redakteurin bei Radio Bremen, bis heute nicht teilt. Als Journalistin hat sie sich für eine aktive Auseinandersetzung mit Deutschlands NS-Vergangenheit stark gemacht. Und das setzt in ihren Augen auch eine aktive Strafverfolgung der Täter voraus. Dazu beizutragen, war eines der wichtigsten Ziele in Karla Müller-Tupaths publizistischer Arbeit.

 

Über ihre vielfältigen Erfahrungen dabei spricht die Autorin am morgigen Freitag, 28. 4.,  anlässlich der Finissage der Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“ im Nienburger Kulturwerk. Die Veranstaltung, zu der das Nienburger Kulturwerk und der Arbeitskreis Gedenken der Stadt Nienburg gemeinsam einladen, steht unter dem Titel „Verschollen in Deutschland“. Der Titel ist doppeldeutig. Zum einen ähnelte die Lage der Juden in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit – die überwiegende Mehrheit von ihnen Überlebende des Holocaust – der Situation von Verschollenen. Zum anderen schienen auch die NS-Täter von heute auf morgen verschollen zu sein. „Man fand nur Opfer und keine Täter – die schienen unauffindbar“, kennzeichnet Karla Müller-Tupath die Lage bis weit in die Siebziger-Jahre hinein. Die großen Frankfurter Auschwitzprozesse ab 1963 änderten daran zunächst wenig, denn Tausende anderer Täter blieben unverfolgt.

 

In mehreren Veröffentlichungen, Medienbeiträgen und Vorträgen, unter anderem im Wiener Simon-Wiesenthal-Institut, hat sich die Publizistin mit dieser Problematik beschäftigt. Vor dem Hintergrund der Ausstellung über jüdisches Leben in Deutschland heute wird sie am Freitagabend aus diesen Arbeiten lesen und zur Diskussion stellen, was ihre Befunde für die Gesellschaft der Bundesrepublik bedeuten. Nicht zuletzt ist die 1945 geborene Karla Müller-Tupath als Mitglied der jüdischen Gemeinde Bremens auch eine faszinierende Zeitzeugin der Gesellschaftsentwicklung bis heute. Die Veranstaltung im Nienburger Kulturwerk beginnt morgen, 28. 4. 2017, um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Nienburger Veranstaltungen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag von Nazi-Aufzug überschattet

Der Auftakt der Veranstaltungen aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktages fand am Freitag und Samstag vor dem Hintergrund intensiver Neonazi-Aktivitäten in Nienburg statt. Schon am Freitag hatten Mitglieder des Runden Tisches und des Arbeitskreises Gedenken berichtet, dass Personen aus dem rechtsextremen Umfeld in der Stadt gesehen worden seien. Während der Gedenkveranstaltungen auf dem Jüdischen Friedhof und im Rathaus – einer interreligiösen Andacht und anschließende Ausstellungseröffnung – wurde bekannt, dass die Partei „Die Rechte“ für den Vormittag des 28. Januar einen Aufmarsch in der Innenstadt angemeldet habe.

 

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Breslau und seine jüdische Gemeinde“ im Vestibül des Rathauses rief Ulrike Kassube, Sprecherin des Runden Tisches, zu einer Informationsveranstaltung auf, mit der man sich am Samstagvormittag an die Öffentlichkeit wenden wolle. Die Veranstaltung, auf der Thomas Gatter, Vorsitzender des Arbeitskreises Gedenken, über das Thema „Rechte Gewalt im Holocaust – und heute“ sprach, verlief friedlich. Lediglich am Rande wurde ein Nienburger Sinto von einigen als rechtsradikal bekannten Personen bedroht.

 

Die Partei „Die Rechte“ trat entgegen den vorherigen Informationen sichtbar erst am Abend in der Weserstadt in Erscheinung. Gegen 18 Uhr versammelte sich ein einschlägiger Personenkreis von etwa 40 bis 50 Anhängern der Partei am Nienburger Bahnhof. Eine kleine Schar Gegendemonstranten sowohl aus dem bürgerlichen als auch aus dem antifaschistischen Lager hatte sich spontan eingefunden, um ihren Protest gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten zu bekunden. Dieser fand dann unter schwerstem Polizeischutz von etwa einer Hundertschaft unbehelligt statt. Die Marschroute der Rechtsradikalen führte über Wilhelmstraße, Goetheplatz und Bisquitstraße zum Bürgermeister-Stahn-Wall. Die abschließende Kundgebung fand gegen 19 Uhr auf dem Ernst-Thoms-Platz unter demonstrativem Entzünden von Fackeln ihren Höhepunkt.

 

In einer Bewertung der Geschehnisse äußerte sich Thomas Gatter bestürzt darüber, dass der Ablauf des diesjährigen Gedenkprogramms zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch ein derart massives Auftreten von Neonazis gestört werden konnte. „Das Timing dieses Fackelaufmarsches genau zwischen den Veranstaltungen am 27. und der Gedenkstunde der Nienburger Sinti am 29. Januar hat expliziten Drohcharakter. Man will uns einschüchtern“, so Gatter wörtlich. Der Vorsitzende äußerte auch Unverständnis darüber, dass eine rechtsextremistische Veranstaltung mit eindeutig nationalsozialistischer Choreographie mitten im Gedenkprogramm der Stadt genehmigt wurde. „Während am Rathaus die Fahnen in Verbeugung vor den Opfern des NS auf Halbmast wehen, dürfen am anderen Ende der Langen Straße die Nationalsozialisten von heute ihre Fackeln schwingen. Das ist unverständlich“, meinte der ehemalige Stadt- und Kreisarchivar. Der Arbeitskreis Gedenken werde das Gespräch mit den zuständigen Stellen der Stadt suchen, um zu erfahren, welche Überlegungen dafür Ausschlag gebend waren.

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Am 9. 11. im Nienburger Kulturwerk: ein Stück über Schuld, Verdrängung und (historische) Verantwortung

Yad Vashem? Nico, Marianne und Michael müssen googeln.... (Von links Birgit Scheibe, Julia Nehus, Christoph Plünnecke)

In vielen deutschen Städten wird in der kommenden Woche die Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 erneuert. Angeblich als Reaktion auf die Ermordung des deutschen Diplomaten vom Rath, in Wirklichkeit aber von langer Hand vorbereitet, wurden in ganz Deutschland und Österreich Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und Hunderte von Juden umgebracht. An diese Ereignisse, die den Übergang von der allgemeinen Verfolgung von Juden, Sinti und Roma zum eigentlichen Holocaust markieren, erinnern am 9. November Veranstaltungen auf jüdischen Friedhöfen, an Mahnmalen und in Ausstellungsräumen und Vortragssälen.

 

In Nienburg hat sich der Arbeitskreis Gedenken in diesem Jahr zu einer besonderen Form der Erinnerung entschlossen. In Zusammenarbeit mit dem Nienburger Kulturwerk und unterstützt vom Weser-Aller-Bündnis soll mit einem Theaterstück die Frage aufgegriffen werden, wie man zu jenen Ereignissen steht. Eine unbequeme Frage, geht es doch dabei um Schuld, Verdrängung und historische Verantwortung. Insbesondere die Generation der Kriegsenkel muss sich häufig der Erkenntnis stellen, dass die Großeltern an den damaligen Geschehnisssen nicht ganz unbeteiligt waren oder sogar von ihnen profitierten. 

 

So ist es auch in dem Stück “Die Reise nach Jerusalem” von Hans König. Es handelt von den Geschwistern Nico, Marianne und Michael, die nie nach der Herkunft des Vermögens ihres Großvaters gefragt haben. Erst anlässlich seiner Beerdigung werden sie mit der Tatsache konfrontiert, dass er von der Ausplünderung der jüdischen Gemeinde ihrer Stadt profitierte. Schriftstücke in einem mysteriösen Koffer belegen die Einverleibung geraubten jüdischen Besitzes in sein Unrernehmen. Und ein überraschendes Testament erlegt ihnen auf, einen Teil des Ererbten einer Dokumentationsstelle in Israel namens Yad Vashem zu überbringen. Das Erbe, das sie antreten wollen, setzt somit eine intensive Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte in Gang – und mit sich selbst und ihrer Haltung zu Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus heute.

 

Unter der Regie des Autors werden die Verdener Schauspielerinnen Birgit Scheibe und Julia Nehus und der Bremer   Christoph Plünnecke die drei Enkel verkörpern. Das kleine Ensemble hat das Stück bereits in mehreren Städten Norddeutschlands erfolgreich aufgeführt, zuletzt auf der Bühne der Bremer Shakespeare-Company. Die Aufführung im Nienburger Kulturwerk  ist am 9. November 2016 um 20 Uhr; es stehen noch einige Karten im Vorverkauf zur Verfügung (Tel. 05021 922580, info@nienburger-kulturwerk.de)

Rassisten wollen in Nienburg marschieren

Am 19. 11. ab 14 Uhr will der „Freundeskreis“ Thüringen/Südniedersachsen Nienburg unsicher machen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die rechte Truppe bildete sich im Oktober 2015 aus Teilnehmern an Pegida-Demos und von Björn Höcke initiierten Aufmärschen.  Aus „freiheitlichen Bürgertreffs“ des Freundeskreises in Duderstadt wurde zunächst  ein Sammelbecken für  AfD-Anhänger, Mitglieder von NPD und „Die Rechte“, Hooligans und Neonazis. Jedoch formierte sich der harte Kern sehr schnell als “völkische”, rassistische Kampftruppe. Bei Pegida-Aufmärschen wie am 9. 1. 2016 in Köln trat der “Freundeskreis” ebenso auf wie bei „Merkel muss weg“-Veranstaltungen in Berlin. Zentrale Figur ist der Versicherungsvertreter Jens Wilke, der als Hauptredner, Anmelder und Führungsperson der Nazi-Gruppe auftritt. Er verwaltet Facebookseiten und pflegt den Machokult des „Freundeskreises“. Im Oktober war Wilke Gastredner bei der Kundgebung des  so genannten Bürgerprotests Hannover.

Dieses sympathische Völkchen hat für den 19. 11. in Nienburg eine Demonstration angemeldet. Von 2 bis 5 nachmittags wollen Wilke und seine Mannen in der Stadt an der Weser ihre unausgegorenen und abstoßenden Hetzereien gegen Flüchtlinge, Sinti, Roma, Juden, Demokraten und was sonst nicht in ihr Weltbild passt hinausposaunen. Klar, dass der “Freundeskreis” aus unserer Sicht eher ein Feindeskreis ist. Wer für eine offene Gesellschaft ist, in derer Hassreden und Verfolgung von Minderheiten keinen Platz haben, sollte aufstehen und den Auftritt der Nazis verhindern helfen. (Quelle und Foto Arbeitskreis antifa Göttingen)

 

Silivri Prison (by CeeGee via Creative Commons Wikimedia, 2014)

Dayanışma ile Gazeteciler!

 

Abdullah Abdulkadiroğlu, Abdullah Kılıç, Ahmet Dönmez, Ali Akkuş, Arda Akın, Nazlı Ilızak, Bayram Kaya, Bilal Şahin, Bülent Ceyhan, Bülent Mumay, Bünyamin Köseli, Cemal Azmi Kalyoncu, Cevheri Güven, Cihan Acar, Cuma Ulus, Emre Soncan, Ercan Gün, Erkan Akkuş, Ertuğrul Erbaş, Fatih Akalan, Fati Yağmur, Habib Güler, Hanım Büşra Erdal, Haşim Söylemez, Hüseyin Aydın, İbrahim Balta, Kamil Maman, Kerim Gün, Levent Kenes, Mahmut Hazar, Mehmet Gündem, Metin Yıkar, Muhammet Fatih Uğur, Mustafa Erkan Acar, Mürsel Genç, Selahattin Sevi, Seyit Kılıç, Turan Görüryılmaz, Ufuk Şanlı, Ufuk Emin Köroğlu, Yakup Sağlam, Yakup Çetin.

Wir trauern um Elie Wiesel, gestorben am 2. Juli 2016. (By David Shankbone, 2012, via Wikimedia Commons)

18. 6. 2016                                                                           An zwei Ereignisse deutscher Geschichte erinnert

An zwei Ereignisse deutscher Geschichte hat der Arbeitskreis Gedenken im Juni erinnert: an den Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 und an den Einmarsch der Wehrmacht in Belarus am 22. 6. 1941. Beide Ereignisse waren historisch mit einander verknüpft und zeitigten schwere Folgen für die Menschen in Deutschland und Europa.

Der 17. Juni 1953 war kein isoliertes Aufbegehren einiger Unzufriedener in der damaligen DDR, sondern ein Kampf für Freiheit und Demokratie und gegen die Ausbeutung durch das SED-Regime. Dass die kommunistische „Diktatur des Proletariats“ – in Wirklichkeit eine Diktatur der Einparteienregierung unter Walter Ulbricht – überhaupt im östlichen Teil Deutschlands errichtet werden konnte, war wiederum eine direkte Folge der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg und des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941. Dieser geschichtlichen Zusammenhänge gedachte der Arbeitskreis Gedenken mit einer Feierstunde am Erinnerungsort „Berliner Mauer“ am vergangenen Freitag.

Am Mittwoch, 22. 6. 2016,  folgte das Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion vor 75 Jahren. 1941 hatte das NS-Regime in Polen ein so genanntes Generalgouvernement bereits fest etabliert, so dass der Überraschungsangriff über die polnisch-weißrussische Grenze erfolgte. Das war der Auftakt zu einem rassistischen Vernichtungskrieg.  Denn von vornherein waren im Zuge des „Unternehmen Barbarossa“ genannten Feldzugs die Vernichtung von Juden und osteuropäischen Roma und die Verschleppung der arbeitsfähigen Bevölkerung zur Zwangsarbeit nach Deutschland geplant. Gleichzeitig wurde die Ermordung der sowjetischen Intellektuellenschicht und aktiver Kommunisten systematisch umgesetzt. Auch der Hungertod großer Teile der Bevölkerung, so bei der Belagerung von Leningrad/Petersburg, wurde eingeplant. Hitler und die ihm willfährigen Generäle hatten keine Skrupel, Hunderttausende unbescholtener deutscher Männer zu Mittätern und Mitschuldigen eines Verbrechens von unvorstellbaren Ausmaßen zu machen.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion kostete 26 Millionen Menschen das Leben, zwei Drittel davon Zivilisten. Allein 3,3 Millionen sowjetische Soldaten verhungerten in deutscher Gefangenschaft. 470 000 Hungertote, Opfer der deutschen Blockade der Stadt, sind auf dem Piskarjowskoje-Friedhof von Petersburg begraben. Rund 70 000 Ortschaften und 1800 Städte, darunter Nienburgs Partnerstadt Witebsk, wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Unverständlich, dass der 75. Jahrestag dieses monströsen Kriegsverbrechens dem offiziellen Deutschland offenbar kein wirkliches Innehalten wert war. Der Arbeitskreis Gedenken kritisiert, dass weder der Bundespräsident noch die Bundesregierung eine Gedenkfeier für den 22. Juni angekündigt hatten. Für umso wichtiger hält er es daher, dass Nienburg als Partnerstadt des von den damaligen Ereignissen unmittelbar betroffenen Witebsk daran erinnert hat. Die Gedenkveranstaltung fand am 22. Juni um 17 Uhr an der Zentralen Gedenkstätte am Weserwall statt. Auch die gefallenen deutschen Soldaten, die unschuldig der NS-Kriegspolitik zum Opfer fielen, wurden in das Gedenken eingeschlossen.