Lyrik im Mahlstrom

Leeds 1976

 

Es war Winter,

den Teich im East End Park

bedeckte dünnes Eis.

 

Am Sonntagmorgen in der

grauen Stadt zankten die Busse

um die paar Typen auf dem Weg

nach Hause: der von der Schicht,

der aus der Notaufnahme,

der aus den Armen irgendeiner

fetten Mutti, die auch beim Vögeln

nicht die Kippe aus dem Munde nahm.

 

Mein Mantel roch nach Lager, Fisch und Chips

und Kerzenwachs und Weihrauch und Patchouli

von den Mädels in der Bar.

Ein alter Kerl kroch aus dem schrotten

Streetcar 107 Ecke Nixon Avenue,

der hatte wahrlich bessre Tage schon gesehn.

 

Dougie von gegenüber spielte

Dark Side of the Moon am offnen Fenster –

die Krähen flogen drüber hin,

was schert es sie?

Das Jahr der Katze wars.

 

An jeder Straßenecke stand der Tod

und lockte: komm und spiel mit mir!

Wir stritten mit den Bürgern um die Macht,

und warfen Steine in die Fenster.

 

Jenseits der Splitter traf ich dich,

verloren an die Liebe,

ich lernte, Mann und Frau zugleich zu sein.

 

In jener Zeit, in jenem Land

verschenkten wir die Zukunft

im Tausch für leere Blätter

und gingen durch die Straßen nachts

auf Suche nach Verlangen.

 

Im Schatten nahm ich einmal deine Hand

und suchte Glück und fand es nicht.

Der Sterne Licht reicht nicht zum Lesen.

Den dunklen Duft von Wolken trug dein Haar,

kein Mond fiel uns zur Last,

die Häuser schwiegen.

Und aus dem klaren Himmel fielen

kleine Flocken.

 

Gib Acht, wenn du aufs dünne Eis trittst

der Erinnerung.

 

Meiner Zeit voraus

 

Auf eines Drachens Odem

Durchsegle ich stählerne Echos

Von Feuer, Wasser und Krieg

Meiner Zeit voraus

Süßend die Sehnsucht, die unerfüllte,

Mit dem Honig der Versöhnung

Meine lästige Seele von eisigen Messern

Der Vorzeit durchbohrt,

Eile ich dahin unter den Wolken

Unter gebrochener Schwüre Silberstreifen

Liebe, blende mir die Augen nicht

 

I.

Liebe, blende mir die Augen nicht und nicht den Sinn.

Liebe, führ mich nicht ins Labyrinth,

nimm mich an die Hand und lenke meine Wege

und heile mich.

Erlaube, dass ich sichtbar bleibe und

dass meine eig’nen Blicke nicht verloren gehen

zwischen Rosen, deren Reinheit, die vollkommen ist,

die Schattenlast verdrängt.

Und hüte ihn, wenn er gefangen in den dunklen Ranken bleibt

des Efeus, dessen Blätter lockend funkeln, wo die morsche Mauer ragt.

 

II.

Ein Boot will ich sein, das die Wellen durchkämmt.

Ein Vogel, der hoch mit den Winden tanzt,

eine Mühle, die treulich den schweren Stein

im Schwunge der Flügel dreht,

dass Mehl werde

und gutes Brot.

Und was ich sonst noch werde,

so dass ich alle Zeit

meine Schritte füglich lenke

auf unserem Weg.

 

III.

Verliebt in mich selbst sei ich, meinst du?

Und dass, wie man dir sagt,

einer Frau meiner Jahre,

wofern nicht verloren,

nicht zieme zu träumen

und in ihren Träumen das Leben

zu suchen?

Mein Guter. Wenn ich mich bekränze

mit Blumen hier und Bändern aus Samt,

wenn ich gelöst mein Haar dem Wind vertraue,

so tu ich’s für mich nicht,

zur Freude des Spiegels.

Ich tu es für dich.

Ich habe zwei Augen voll Sehnsucht nach deinem Bild,

ich hab einen Mund, der dich rühmen will,

ich habe zwei Arme, um dich zu umfangen:

das goldene Armband schmückt sie nur dir zu Gefallen.

Und du weißt es, mein Schoß trägt die Blüte

des Frühlings. Und von alle dem Andern

wünsch ich mir nichts mehr

als dich.

 

IV.

Wir werden alt sein.

Keusche, trauernde Wände,

gefangen in der Erinnerung,

wie Wesen, die lang ohne Heimat wandern,

ohne den Gruß zu erwidern,

den liebende Lippen dem flüchtigen Blick

entbieten.

Schattenumworbene, zaghafte Wände,

in den Ritzen der Steine Skorpione

in Seide gewandet.

Vornehme Höhen,

die Berührung verachtend,

gebannt von der Angst

zu zerbrechen.

Wird so dein Mund verschlossen bleiben, Geliebter,

aus Furcht zu zerbrechen,

wenn der Geschmack meiner alternden Haut

den vergangenen Küssen nachsinnt?

 

V.

Das Hochzeitsmahl

Mirjam:

Blumenduft atme ich an deinem Tische,

farbige Lichtreflexe schmeckt meine Zunge,

Träume liebkosen meine Brüste

und die Stimme des Geliebten schmeichelt meinen Ohren,

wenn Wogen der Liebe meine Schritte umspülen.

Rielson:

Oh, welch Zauber liegt in der Dämmerung

mit ihren sanften Klängen,

die wie das schwere Aroma von Orchideengärten

Regen in fallende Rosen verwandeln.

Mirjam:

Zwischen den glänzenden Regentropfen

schweben die Küsse des Geliebten

süß zu mir

und hauchen Rosmarin und Thymian

mir an die Wangen.

Rielson:

Sie ist wie eine wilde Blume.

Mit ihren sanften Händen kühlt sie mich

wie eine Henna-Blüte,

wie eine Flocke samtenen Schnees

über den Weingärten der Berge,

in den Tälern des Südens.

 

VI.

Carlos Drummond de Andrade

O amor natural

Liebe – dies wesentliche Wort

Liebe – dies wesentliche Wort –

beginne mein Lied und umhülle es ganz.

Liebe lenke meinen Vers, und während sie ihn lenkt,

versöhne sie Empfindung und Verlangen, Penis und Vulva.

Wer wird zu sagen wagen, Liebe sei nur Seele?

Wer spürt nicht, wie der Körper zur Seele sich weitet?

Bis sie den reichen Schrei des Vergehens ausstößt,

in diesem einzigen Augenblick der Ewigkeit?

Der Körper, umschlungen im anderen Leib,

verschmolzen, versunken, kehrt zum Beginn

des Werdens zurück, wie es Plato verwirklicht sah:

das Eine, vollkommen als Zwei und seiend als Zwei in Einem.

Ver-Einung in der Kammer oder bereits im Kosmos?

Wo endet das Bett, wo erreicht es die Sterne?

Was ist die Kraft, die unseren Flanken Flügel eignet,

dies ewig treibende Gebiet der Sterne zu erschwingen?

Schon bei der zartesten Berührung der Klitoris

Verwandelt sich alles zu einem Strahle himmlischen Lichts.

In diesem einen Punkte des Weiblichen

verdichten sich Quelle, und Feuer, und Honig.

Das Eindringen wird die Wolken zerreißen,

und im Innersten Sonnenfunkeln finden,

das kein männliches Auge ungeblendet ertrüge,

so hell, so wahr, so vollendet wie die Esse, die Stahl gebiert.

Und vollendet sich fort und greift aus,

so stark, dass sie jenseits von Sein und Leben

als Fleisch gewordenes Abbild der Lust

die Idee des Kostens in sich selber kostet.

Und im Genusse des Schmerzes inmitten der Worte,

der Laute, des Keuchens, der Ahs, und nicht einmal Worte,

erreicht nur die eine Zuckung den höchsten Gipfel und wendet sich,

stirbt, aus Liebe der göttlichen Liebe ein Opfer.

Wie viele Tode sterben wir so, eins im Andern,

im feuchten Samenbett des Frauenschoßes,

wie oft den Tod, der sachter ist als sichrer Schlaf,

das glückselige Verharren aller Sinne?

Dann zieht der Frieden ein, der Frieden zweier Götter,

aufs Lager hingebettet wie zwei Statuen,

gehüllt in ein Kleid aus Schweiß und voll des Dankes

für das Geschenk, das Menschenliebe ihrem Gott geweiht.